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Jan Georg Schütte

1984 - 1988
Schauspielausbildung in Hamburg und New York

1988 - 2000
Ensemble Schauspieler in Rostock, Essen, Düsseldorf, Köln, Hamburg (Thalia Theater)

Arbeiten mit:
Werner Schroeter, Hans Kresnik, Jürgen Flimm, Hans-Michael Rehberg, Martin Kusej.

Ab 2000
freischaffend als Schauspieler in Hannover, Salzburger Festspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater und für Film und Fernsehen u.a. bei Medi Cops und SK Kölsch.

SWINGER CLUB ist Schüttes erste Regiearbeit.

Auszeichnungen

1995 Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen
1995 Nachwuchsschauspieler NRW
1995 Nominierung für den besten deutschen Nachwuchsschauspieler

Interview mit Jan Georg Schütte

Wie ist die Idee zu diesem Filmprojekt entstanden?

Mut der Verzweiflung. Ich hatte mich als Schauspieler nach 15 Jahren durchgängigem Festengagement in die Freiheit gewagt und bin prompt auf die Nase gefallen. Alles was kam waren ein paar mickrige Rollen als drogenkranker Triebtäter in zweitklassigen TV Produktionen. Und meistens schrecklich hölzerne Dialoge, die man beim besten Willen nicht zum Leben erwecken kann. Da habe ich mir gesagt: Das kannst du besser. Schreib selber was. Und ich schrieb - und konnte es nicht besser. Meine Dialoge raschelten genauso papieren daher wie die TV Kost. Zunächst feilte ich mühsam daran herum, versuchte hier und da etwas Pfiff in die Geschichte zu geben, bis ich irgendwann in einer müßigen Stunde auf einer halben Din A5 Seite eine kleine Skizze zeichnete. Darauf waren fünf Buchstaben: A bis E. Die sollten für die Charaktere stehen. Die habe ich dann so verbunden dass sie möglichst viel Stress miteinander kriegen - sprich Spielmaterial. Dann brauchte es nur noch einen Anlass, sie zusammen zu führen und schon konnte der Spaß losgehen. Ich war stolz auf meine Idee und schickte sie einer befreundeten Regisseurin, die fand es auch klasse und dann landete die Idee in meiner Schreibtischschublade. Da blieb sie liegen. Mangels Mut. Zwei Jahre lang. Und als nach zwei Jahren meine Verzweiflung über meine berufliche Entwicklung ins Unermessliche gewachsen war, holte ich das Zettelchen wieder raus, schrieb ein paar Kollegen an und lud sie zu einem Spielnachmittag ein. Mit eben den Rollenvorgaben. A - E. Und die waren begeistert und sagten tatsächlich zu. Ich wollte dann so viel wie möglich aufzeichnen und hinterher ein Drehbuch daraus schreiben. Daraus wurde aber nix. Die Schauspieler waren zu gut. Die hatten schon einen Film gemacht.

Es gab ja kein Drehbuch im herkömmlichen Sinne. Was gab es, welche Informationen hatten die Schauspieler und wie genau haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet?

Die Schauspieler hatten lediglich Angaben zu ihrem Charakter, Name, Beruf, Alter, Lebensumstände und Ähnliches. Die Beziehungen untereinander waren genau festgelegt und die persönlichen Erwartungen der Charaktere an dieses Zusammenreffen. Der Clou dabei war: Jeder hat seine Informationen geheim bekommen. D.h., was die Charaktere nicht voneinander wussten, das wussten auch die Schauspieler nicht. So war natürlich die Spielatmosphäre von Anfang an voller Missverständnisse, falscher Erwartungen, Hoffnungen und Lügen - genau die Zutaten, die ja auch das wahre Leben hat. Und daraus ließ sich trefflich losspielen. Meine Arbeit bestand in erster Linie darin, jedem das Vertrauen zu geben, er wird hier nicht zu kurz kommen und hat alle Zeit der Welt, sich und seine Figur darzustellen. Ich glaube ein Hauptsatz im Vorfeld war: Bloß keine Kreativitätsstress. Das war meine Haupt-Befürchtung: Kaum sind Schauspieler losgelassen, fangen sie an, herumzuschreien und Flaschen gegen die Wand zu hauen, statt sie mit dem daneben liebenden Korkenzieher aufzumachen. Genau das wollte ich nicht. Das Material barg ja genug Konflikt. Ich hoffte, dass die Gesellschaft damit ganz entspannt ins Desaster rutschen konnte. Und so war es ja auch. Ein paar Mal musste ich unterbrechen, weil's arg durcheinander war vor lauter Spielfreude, und dann galt es eigentlich nur noch einen Schlusspunkt zu finden. Das hatten die Schauspieler aber im Gefühl.

Wie weit hatten Sie die Charaktere festgelegt?

Sind sie denen der Schauspieler sehr nahe? Dem einen Kollegen ist tatsächlich was ganz ähnliches passiert wie in diesem Film. Genauso chaotisch und albern und ruckzuck. Aber erst nach dem Film. Ein Glück. Sonst hätte er das bestimmt nicht so gut spielen können. Zu nah dran. Aber im Ernst: natürlich habe ich mich durch die Schauspieler inspirieren lassen, aber mir liegt es fern, daraus eine Art Selbsterfahrungskurs zu machen, nach dem Motto, ey, ich fände es toll, wenn du dich da ganz privat zeigen könntest und dann wird es bestimmt ganz berührend … Schauspieler brauchen eine Figur, und diese Figur gibt ihnen den Schutz, sich in ihrer ganzen Emotionalität zu zeigen. Private Macken, Gesten und Empfindlichkeiten geben dann die nötige Lebendigkeit und Unverwechselbarkeit, aber sie sind immer das Ergebnis der Phantasie des Darstellers. Nach dem Motto: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich der und der wäre und mir würde das und das passieren.

Der Film hat einen leichten und ironischen Ton. Wie viel davon haben Sie vorgegeben?

Wahrscheinlich eine ganze Menge durch meine Vorinformationen. Allein die Masse der Verstrickungen führte genau zu der Überhitzung, die die Geschichte aus einem selbstmitleidigen Befindlichkeitsdrama in den Grenzgang von Tragödie und Komödie getrieben hat. Dann haben die Schauspieler ihr Nötiges getan: Es ist herrlich, mit welcher Wonne sie in alle offen stehenden Messer gelaufen sind. Und schließlich ist natürlich der Schnitt entscheidend für den Ton der Geschichte; Das Ineinander Schachteln der Ereignisse, die Parallelität herzustellen: während in einer Ecke ein melodramatischer Abschied stattfindet, kämpfen in der anderen Ecke schon zwei Frauen darum, wer sich hinterher den wieder frei gewordenen Mann angelt. Wie im Leben, nur etwas verdichtet.

Welche Szene hat am meisten Spaß gemacht?

Ich glaube am meisten habe ich gelacht, als ich zum ersten Mal die Szene gesehen habe, in der Albert seine heimliche Geliebte davor warnt, sich hier so offen an ihn heranzumachen. Während er das sagt lehnt er sich zurück, streckt die Beine aus und schiebt ihr seinen Schoß entgegen. Nach dem Motto: Nun mal los. Phantastisch. So was kann man nicht inszenieren. Da hat sich der Körper des Schauspielers in der Phantasie selbständig gemacht. Das ist für mich die perfekte Schauspielerei. Wenn man so entspannt ist, dass man sich von seinem eigenen Körper überraschen lassen kann und dieser genau das Gegenteil von dem macht, was man eigentlich gerade sagt. Das hatte ich in meiner stark amerikanisch geprägten Ausbildung immer eingebläut gekommen: Eine Figur wird erst lebendig und menschlich, wenn sie einen starken inneren Widerspruch hat. So sind wir nun mal: was wir wollen und was wir tatsächlich tun, sind ein herrliches Gegensatz Paar.

Wenn das jeder machen würde...

Kann auch jeder, der
- 7 phantastische Schauspieler davon überzeugen kann, sich auf ein Spiel mit komplett offenem Ausgang einzulassen
- Sich dann ein Setting ausdenken kann, das diese Leute drei Stunden lang in ein fulminantes Spiel treibt
- Eine Crew von Kameraleuten findet, die sich darauf einlassen, drei Stunden ununterbrochen Schauspielern hinterherzufilmen, mit der Garantie, hinterher zu 80% verwackelte Bilder produziert zu haben und dafür ordentlich Schelte zu bekommen,
- Zwischendurch die Meute der Darsteller dazu bewegen kann, sich wieder zuzuhören und darauf zu achten, was der Nebenmann spielt
- Sich drei Monate lang an seinen Computer setzt, um aus der Fülle des Materials eine Story herauszufiltern, die Sinn und Rhythmus hat
- Dann einen Cutter findet, der sich noch einmal drei Monate an die Sortierung von weiterem Materialwust macht mit 20 chaotischen Tonspuren
- Den Schnitt dann überall verzweifelt anbietet, damit es überhaupt mal jemand anguckt
- dann all das tut was ein Produzent auch noch macht, Briefe schreiben, bewerben, bewerben, bewerben, DVDs verschicken, um Gelder betteln …
- Und das alles von jedem umsonst. Dann kann das jeder.

Es gab und gibt Regisseure, die immer mit einer "family" von befreundeten Schauspielern arbeiten. Haben Sie Vorbilder unter diesen Regisseuren?

Ich habe vor dem ersten Dreh den Schauspielern ein paar Filmausschnitte aus meinen Lieblingsfilmen gezeigt, weil ich hoffte, so etwas von dieser Stimmung in die Improvisation zu bekommen - "Wild at heart", "In the mood for love" und "Der letzte Tango in Paris". Ich finde, der Film ist eine Mischung aus diesen dreien geworden. Vorbilder habe ich ansonsten keine speziellen oder besser gesagt, die die ich habe, finde ich so großartig, dass ich mich nicht traue, sie zu nennen. Aber natürlich haben mich die Dänen mit ihren verdammt lebendigen Filmen und den tollen Ensembles schon sehr fasziniert.

Wie viel hat die Produktion von SWINGER CLUB gekostet?

Als wir den Film beim Max Ophüls Festival gezeigt haben, hat er ganze 10.000 Euro verschlungen, davon waren 9.000 Euro (Postproduktions-) Filmförderung und der Rest Eigenkapital, aber meine Cutterin sagt immer, ich darf das nicht sagen, sonst lachen uns alle aus.

Wie war das Drehverhältnis (wie viel Zeit wurde gedreht)?

Tatsächliche Drehzeit waren ganz genau 20 Stunden, gedreht mit 4 Kameras.

Wie lange hat der Schnitt gedauert?

6 Monate bestimmt. Ich bin eben immer wieder rangegangen, weil ich ja die ersten 45 Minuten Film selber geschnitten habe nach dem "Learning by Doing" Prinzip. Das ist schon verdammt zeitaufwendig. Der zweite Teil ging dann etwas fixer, weil ich ne Cutterin hatte, die da ein viertel Jahr ihres Lebens rein investiert hat. Inzwischen ist das aber mit all den Änderungen und der Filmkopie und dem Drum und Dran auch fast ein halbes Jahr geworden.

Wenn Sie etwas mehr Geld zur Verfügung gehabt hätten, wo hätten Sie Prioritäten gesetzt?

Ich hätte alle beteiligten Künstler bezahlt. Damit fängts mal an. Und dann hätte ich mir bessere Kameras organisiert und eine vernünftige Tonausrüstung, bei der sich die Mikroports nicht nach 10 Minuten verabschieden und den Tonmenschen von einem Schweißausbruch in den nächsten jagen.

Haben Sie vor, sich für ein nächstes Projekt den Mühen und Unwägbarkeiten der "normalen" Filmfinanzierung zu unterziehen / Gibt es ein nächstes Projekt, welches?

Muss ich wohl. Es sei denn ich fände einen Sponsor, was natürlich alles schwer vereinfachen würde. Ich bewege mich ja hier nicht in der Größenordnung von normalen Low Budget Produktionen. Für 100.000 Euro könnte ich ja einen kompletten Kinofilm machen, bei dem alle Beteiligten zwar nicht üppig, aber immerhin etwas bezahlt werden. Klar ist, dass ich nicht mehr diese "Kein Geld für Niemand" Nummer machen kann. Nächste Projekte gibt es reichlich, und das Dringlichste ist Swinger Club II. Ich finde die Geschichte schreit nach einer Fortsetzung.
 

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